Re: 2100?


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Abgeschickt von F.C. am 12 Juli, 2000 um 10:40:14:

Antwort auf: Re: 2100? von Astrid Drescher am 12 Juli, 2000 um 10:37:15:

[E-Mail vom 28. Juni 2000]

Sehr geehrte Frau Drescher,

[…]
: "Danke für die Buchinformationen, die sie mir haben zukommen lassen, jetzt weiß ich doch wonach ich zu suchen habe."

Ich habe vergessen, Caesar selbst zu nennen. Sie könnten vielleicht anfangen mit dem letzten Buch des "De bello gallico" und dann das "De bello civili" lesen. Für fast alle Bücher, die ich Ihnen genannt habe, gibt es zweisprachige Ausgaben, allerdings nur für manche lat. bzw. gr./deutsch (Caesar gibt es bei Tusculum und sein Latein ist kinderleicht): Wenn man ungerne englische oder französische zweisprachigen Ausgaben liest, kann man sich die eigene anhand einer deutschen plus Originaltext schaffen: Das billigste sind hier die CD-ROMs mit der gesamten lateinischen und griechischen Literatur. Falls es Sie interessiert, kann ich Ihnen da Tips geben. Aber nur zum Lesen, tut es eine gute Übersetzung allemal.

: "Das von mir immer wieder zu Rat gezogene Buch von Hans Dieter Stöver, "Die Römer" Taktiker der Macht, ist im übrigen kein Roman, sondern befasst sich mit der römischen Geschichte von Äneas bis zu Caesar und endet mit seiner Ermordung. H.D. Stöver scheint mir ziemlich kompetent zu sein, was Fakten angeht, studiert hat er in Köln Geschichte, Kunstgeschichte und Altertumskunde. Ich muss hier einfach eine Lanze brechen für den Autor, denn er schafft es eine Fülle an Fakten zu verarbeiten und dabei einen lockeren und allgemeinverständlichen Stil zu schreiben, so dass man eben des öfteren auch einmal schmunzeln muss. Ziel eines Buches, auch wenn es informativ oder wissenschaftlich ist, ist doch in erster Linie, dass man es liest und nicht nach drei Seiten wutentbrannt oder gähnend in die Ecke schmeißt."

Hier danke ich Ihnen für den Hinweis.

: "Nun wieder zu Caesar Jesus. So wie Sie es mir schreiben, besteht wirklich kein Grund zur Heiterkeit, aber war nicht der Triumph auch eine Art Volksbelustigung? Was danach folgt, wer konnte das voraussehen."

Richtig: Warum besteht also kein Grund zur Heiterkeit? Ein Triumphzug war das Heiterste was es gab, und jene Caesars insbesondere. Es war die reinste Ausgelassenheit, von Soldaten und Volk. Hier ist Sueton die ergiebigste Quelle.

: "Jedes Mal, wenn ich die Stellen über die Ermordung Caesars nachlese, stellt sich mir die Frage: Weshalb nimmt er es hin? Weshalb hört er nicht einfach auf die Warnungen und bleibt im warmen Bett? Es ist als wenn man sich einen Film zum x-ten Mal ansieht, in der Hoffnung dass er doch noch gut ausgeht. Warum also geht er? Geht er in dem Bewusstsein was geschehen wird? Er soll überall seine Spione gehabt haben, ist es wahrscheinlich, dass ein so gut informierter Mann von der Verschwörung gegen ihn nichts gewusst hat? Mit Pilatus möchte ich fragen( oder wenigstens ähnlich): Wer ist dieser Mensch?"

Man weiß, daß Caesar seine Ermordung bewußt in Kauf genommen hat. Man weiß auch, daß die Mörder bald kapierten, daß sie einen Fehler gemacht hatten. Cicero jammerte Cassius und Brutus gegenüber: Warum habt ihr ihn denn nicht in den Krieg (gegen die Parteher) ziehen lassen, von dem er nie lebendig zurückgekommen wäre (wohl wg. seines sehr kompromittierten Gesundheitszustands)? Jetzt müssen wir gegen den Toten kämpfen, und den können wir nicht mehr besiegen (so ungefähr, nachzulesen in einem Brief Ciceros von 44).
Aus beiden Informationen ergibt sich: a) Caesar hat sich bewußt ermorden lassen; b) das war sein ultimer Siegeszug, die höchste List, um postum den definitiven Sieg zu erringen.
Ist das denkbar? Durchaus, denn es war seine Taktik und Strategie auch im Krieg. Er soll in 302 Schlachten unbesiegt geblieben sein; es stimmt insofern, als er immer Endsieger blieb. Aber er hat Kämpfe, ja sogar Schlachten vorloren. Sie hatten aber immer eine Funktion: Den Gegner übermutig zu machen, ihn zur Endschlacht herauszulocken, mit allen verfügbaren Kräften, damit dessen Niederlage dann endgültig sei. Caesar wollte den Endsieg, und errang ihn immer. Dafür bot er im geeignetesten Zeitpunkt ein Baueropfer an. Hat Caesar zum Schuß, der Bürgerkriege müde, sich selbst als höchstes Bauernopfer angeboten? Spürte er, daß er nie mehr lebendig aus dem Partherkrieg hätte zurückkommen können? Hat er deswegen le grand jeu gemacht, um den Sieg im jenseits zu erlangen, vom jenseits heraus? Ist das das Geheimnis und die Faszination des dadurch zum Divus Julius emporgestiegene Caesar?

: "Der zwingende Blick, den Caesar gehabt haben soll, und dem angeblich nur die wenigsten standhalten konnten ·"

Das ist meines Wissens von Caesar nicht tradiert, wohl aber von Augustus, der damit übertrieb: Es war nicht so, daß Octavians Blick zwingend gewesen wäre, sondern er fixierte die Leute so lange, bis sie seinem Blick wichen: Er wollte bewußt einschüchtern, und da seine Grausamkeit nach den Proskriptionen nicht mehr unter Besweis gestellt werden mußte, gelang es ihm auch. Er tat so, als ob er nicht "dominus", Herr, genannt werden wollte, aber legte ein derart terrorisierendes Gehabe zutage. Die Kirche hat das übernommen, und zwingt dazu, den Kopf und den Blick zu senken bei der Exposition der Eucharistie, plus "flectamus genua", beugen wir die Knie, und so weiter. Man sollte wirklich den Caesar-Anteil, den fortschrittlichen, aus dem weitgehend reaktionären des Octavian Augustus herauspulen. Die Quellen sind ja da, man braucht nicht zu projizieren. Und dann hätte man das Ur-Christentum, rein caesarisch und nicht augusteisch, Divus Julius pur, ohne den suspekten und unheimlichen Divi Filius.

: "war für mich ein Hinweis auf eine Parallele, als zweites sein "vergebt euren Feinden" Milde = Barmherzigkeit, als drittes sein "Opfer" oder seine Bereitschaft zu sterben."
Das war auch für mich der Zugang, zuerst optisch: Der Pietà-Ausdruck vom Kopf Torlonia.
[…]

Ja, einen schönen Tag noch.
Mit freundlichen Grüßen

Francesco Carotta


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