Re: Latein und Römisch - Fortsetzung


[ Antworten ] [ Forum www.carotta.de ]

Abgeschickt von F.C. am 11 Maerz, 2002 um 11:37:50:

Antwort auf: Re: Latein und Römisch - Fortsetzung von A.KLÖS am 11 Maerz, 2002 um 03:10:50:

Sehr geehrter Herr Klös,

haben Sie vielen Dank für die ausführlichen Zitaten. Ich hoffe, sie bringen unseren Lesern etwas.

Zu Quark: Das ist ein gutes Beispiel dafür, daß ein verschwommener Begriff am liebsten auf griechisch-lateinisches Vokabular verzichten soll. Wie sie sicherlich wissen, ist die Quantenphysik nicht unumstritten – und bei der Begrifflichkeit wird sie es auch bleiben. Es gibt nicht wenige Physiker, die sie für Literatur halten, und nicht nur wegen der Terminologie. Aber passons.

Daß das Wort 'Indogermanistik' anfänglich geographisch gedacht war, und daß es gewählt wurde, weil Island am westlichsten liegt, ist bekannt. Die Auseinandersetzung und Polemik ist dank des langen Zitats ausführlich dargelegt.
Das Problem war, daß der Begriff '-germanisch', (anders als 'indo-') eindeutig aus dem Stammesdenken kommt, und dadurch waren die Verwicklungen mit der Rassentheorie vorprogrammiert. Aber das ist, wie Ihr Referent sagt, sekundär. Ich wollte jedoch auf ein primäres Problem hinweisen:
Die ganze Indogermanistik denkt in Stammbäumen: Es gibt Sprachfamilien, die sich dann aufteilen, etc. Was dabei zu kurz kommt, sind die Kontakte und der Austausch zwischen den Sprachen, sowie der Einfluß des Substratums (Leute, die ihre Sprache haben aufgeben müssen, eine andere benutzen, aber, aus vielen Erscheinungen erkennbar, noch in der alten denken und sprechen). Dieses Verkennen der Sprachkontake und der Substraten schlägt sich nieder in absurden Etymologien, denn der Indogermanist wird immer, bei der Suche nach der Herkunft eines Wortes, einem reinstämmigen Wort den Vorzug geben. Er wird das auch tun, wenn so kein Etymon zu finden ist, und lieber ein Wort unerklärt lassen, als daß er sich anders umsieht. Für nicht weniger als ein Drittel des griechischen Vokabulars zum Beispiel sind bis heute entweder keine oder nur unbefriedigende Etymologien geliefert worden.

Ein gutes Beispiel ist 'Meerkatze'. Die Erklärung aus dem Deutschen ist völlig unbefriedigend, denn besagte Affen sehen überhaupt nicht wie Katzen aus, und haben mit Meer nichts zu tun. Indisch 'markata' dagegen, portugiesisch mißverstanden als 'mari-cata' ist eine gute Erklärung. Nun aber wird sie von den Indogermanisten nicht akzeptiert. Friedrich Kluge z.B. verwirft sie mit folgender Erklärung: "Zur Anknüpfung an aind. markata 'Affe' fehlt jede Brücke, der Anklang beruht auf Zufall." Als ob für alle aus dem Indogermanischen abgeleiteten Wörter sie die Brücken hätten. Es wird eindeutig mit zweierlei Maßen gemessen.

Das andere Beispiel mit der Etymologie für 'Arbeit' ist auch erhellend. Ich danke Ihnen, daß Sie ausführlich diese Indogermanistin zitiert haben. Es sieht nämlich jedes Kind, ob Waise oder nicht, daß die Ableitung aus 'Waisenkind' willkürlich ist. Hier kann man getrost das anwenden, was Friedrich Kluge für 'markata/Meerkatze' sagte: "der Anklang beruht auf Zufall". Die Erklärung kann nämlich der Tatsache keine Rechnung tragen, daß das Wort Arbeit sich im jahrhundertlange romanisierten Sprachgebiet entsteht, wo nach der Alamannen-Invasion sowohl ein romanisches Substratum als auch Arbeitstechniken überlebten, und man daher das Wort 'laboratum' noch verwendete, insbesondere im Sinne von 'beackern' (wg. franz. 'labourage'). Auch der Bezug auf Mühsal kann diese Hypothese nicht infirmieren, da ja auch 'labor' ursprünglich 'unter einer Last wanken, Mühe haben' bedeutet.
Der Denkfehler ist zu glauben, da ein germanisches Wort existiert, das als Wurzel angesehen werden kann – in diesem Fall *arbejo (= bin ein Weisenkind), bzw. 'arba (= Knecht)' –, daß dann das Wort auch daher kommen muß. Es ist wie wenn man behaupten würde, 'ratzekahl' sei ein eigenständiges deutsche Wort, weil ja sowohl 'Ratze' als auch 'kahl' im Deutschen vorkommen. Das Wort ist aber eindeutig eine volksetymologische Verballhornung von 'radikal', zustandegekommen durch Kontamination mit 'tabula rasa'. Idem für Arbeit. Das was die etymologischen Wörterbücher annehmen, nämlich "als Urwort ein untergegangenes germanisches Verb *arbejo, mit der Bedeutung 'bin verwaistes und daher aus Not zu harter Arbeit gezwungenes Kind'" ist nicht mehr überzeugend als eine hypothetische eigenständige Entsteheung von 'ratzekahl' aus 'Ratze' und 'kahl'. Es ist nur so, daß es 'Ratze' und 'kahl' geben muß, und 'tabula rasa' auch, damit man aus 'radikal' 'ratzekahl' bildet.
Das ist natürlich zu kompliziert für Indogermanisten, vor allem sind dann ihre Stammbäume nicht mehr so rein. Denn, ist 'ratzekahl' jetzt ein germanisches Wort? Ja, eindeutig, wird ein Germanist sagen, beide Bestandteile 'Ratze' und 'kahl' sind germanisch. Aber: ohne 'radikal' und 'tabula rasa' im Kopf wäre das Wort nie geprägt worden. Ist es dann ein lateinisches Wort? Nein, denn 'radikal' und 'tabula rasa' sind nur mitgedacht, nur als Substratum da. Was ist es dann für ein Wort? Ich nenne das ein römisches – wobei man sich darüber streiten kann, wie bei 'Indogermanistik' und 'Indoeuropäistik': Sie mögen es anders denken. Sie können natürlich auch sagen: Es ist einfach ein deutsches Wort! Womit Sie recht hätten. Aber dann sind wir bei unserer letzten Frage angelangt: Ist das Deutsche eine germanische Sprache, oder haben wir doch mit Römern zu tun, die zur Tarnung Deutsch sprechen? Die Antwort, die man gibt, hängt rein davon ab, welchen Stellenwert man dem Kontakt und dem Substratum zuerkennt.
Ich erkenne ihnen einen hohen an, höher als üblich. Aber um das zu verdeutlichen, müßten wir etwas weiter ausholen: Ein anderes Mal.



Antworten:



[ Antworten ] [ Forum www.carotta.de ]