Re: Latein und Römisch - Indien


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Abgeschickt von A.KLÖS am 16 Maerz, 2002 um 02:05:54

Antwort auf: Re: Latein und Römisch - Indien von F.C. am 12 Maerz, 2002 um 20:54:31:

Eigentlich müssen wir den Indern (Hinduistischer Religionsangehörigkeit) dankbar sein, denn hätten die missionierenden monotheistischen Religionen einen vollständigen Sieg errungen, würden wir kaum noch wissen, wie eine polytheistische Religion funktioniert. Fachleute die alte Texte lesen ausgenommen.

Wenn ich mit Menschen über Religionen rede, gibt es folgende Thesen, die man ihnen im Religionsunterricht beigebracht hat:
Die monotheistische Religion ist eine Weiterentwicklung gegenüber der Polytheistischen. Polytheisten fertigen sich Götter aus Holz oder anderen Materialien, die sie dann anbeten.

Deshalb halte ich es für nicht uninteressant sich die hinduistische Religion einmal anzuschauen.

Gekürztes Zitat aus: http://destination-asien.de/indien/hinduism.htm

In kurzen Zügen das Wesentliche des Hinduismus anzudeuten, ist ein sehr gewagtes Unternehmen. Das Folgende soll verstanden werden als ein subjektiv gefärbter Versuch, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat. Schwierig ist der Hinduisus auch deshalb zu erfassen, weil er keinen Religionsstifter kennt. Er hat keine geschlossene dogmatische Lehre. Viele haben ihn bereits definiert, und er erneuert sich ständig selbst, indem Menschen von dem hinduistischen Gedankengut inspiriert werden Gedanken, Erklärungen und Erfahrungen wiederfinden, die ihnen ermöglichen, eigene Erlebnisse in Worte zu fassen.

Der Hinduismus beeinflußt das ganze Leben von der Geburt bis zum Tod. Religion und Alltag sind nicht voneinander zu trennen. Der Hinduismus ist keine Sonntagsreligion.

Buddhismus, Jainismus und später der Islam übten ihren Einfluß auf den Hinduismus aus, dem es aber bis heute immer wieder gelang, neue Denkanstöße zu integrieren. So wurde aus Buddha einfach eine Inkarnation Vishnus, und er ist so ins hinduistische Denken eingebaut.
Es braucht also keinen zu verwundern, wenn er bei gutgläubigen Hindus gleichzeitig Bilder von Vishnu, Shiva, Buddha und Jesus einträchtig nebeneinander an der Wand findet. Ich habe bei fast allen Hindus auch eine große Toleranz in religiösen Dingen erlebt. Sie würden nie auf die Idee kommen, einen Christen zum Hinduismus bekehren zu wollen; der Missionsgedanke ist ihnen fremd. Für sie gibt es viele Wege, die Erleuchtung, Erlösung, das Nirvana, das Moksha - oder wie die vielen anderen Namen für das einzig angestrebte Ziel heißen - zu erreichen. Jedem Hindu ist es auch freigestellt, den Gott zu verehren, der ihm am besten gefällt oder gerade Abhilfe in der momentanen Problemlage schaffen kann. So wird jemand vielleicht Ganesh (Sohn von Shiva und Parvati), den beliebten Gott mit dem Elefantenkopf und dem dicken Bauch, anbeten, weil er alle Hindernisse aus dem Weg schaffen kann und als Gott der Weisheit gilt. Bei finanziellen Problemen wendet man sich dagegen an einen anderen, speziell dafür zuständigen Gott. Für den Hindu sind die verschiedenen Gottheiten nur Ausdruck und Manifestationen der verschiedenen Aspekte des Göttlichen.
Wie schon betont, werden Brahma, Vishnu, Lakshmi, Parvati oder Kali nicht als mehrere nebeneinander existierende Götter verstanden, sondern sind letzten Endes nur Manifestationen und Symbole für das Absolute, das für den Verstand nicht mehr faßbar ist, für das Brahman oder Atman. Brahman wird gemeinhin als Weltseele definiert, während Atman die Einzelseele darstellt. Mit dem Verhältnis Atman zu Brahman beschäftigen sich vor allem die Upanishaden (siehe 'Klassische Dichtung'). Der Hinduismus schließt alles ein, sowohl den Glauben und die Begegnung mit einem oder auch mehreren Göttern, als auch die buddhistische Position, daß es keinen Gott gibt ;dafür gibt es dann bei den Buddhisten die Erleuchtung und das Nirvana und bei den Hinduisten das Brahman. Deshalb gibt es auch so viele Untergruppen, die von streng asketischen, triebunterdrückenden Positionen bis zu einer tantristischen Position, die sexuelle Energie als Mittel zur Erreichung des Ziels einsetzt (siehe Tempel Khajuraho und Religionen Nepals), reichen.
Der Hindu versucht, dem Dharma (Gesetz) entsprechend zu leben. Das Dharma beschreibt die moralischen und sittlichen Werte, das gesellschaftliche Leben, die Regeln der Kaste und auch das universelle Gesetz. Das universelle Dharma erklärt für den Hindu auch, daß wir zur Zeit im Kaliyuga leben, einem Zeitalter, das mit dem Niedergang der Werte und der Hinwendung zum Materiellen verbunden ist. So wie das menschliche Leben Tod und Wiedergeburt unterworfen ist, ist auch das Universum einem solchen Wechsel unterworfen. Auf Zeiten, in denen sich die Menschheit ganz im Materiellen zu verlieren droht, folgen sprituelle Perioden, in denen die Menschheit höhere geistige Fähigkeiten besitzt und neue Hochkulturen entstehen. Zu früheren Zeiten war das Leben des Hindus in vier Phasen unterteilt: Kindheit, Zeit des Lernens, Zeit der Familiengründung und des Besitzerwerbens und die Phase, in der jeglicher weltlicher Besitz aufgegeben wurde, um sich ganz dem Spirituellen zu widmen. Aus dem Wissen um die Wiedergeburt ergibt sich auch ein ganz anderes Verhältnis zum Tod. Der Tod ist etwas Natürliches, der alte Körper wird aufgegeben, und die Seele wartet auf ihre neue Inkarnation in einem neuen, jungen Körper. Die Seele ist ewig, sie ist Teil des Höchsten, aber auch getrennt davon, und dies ist der Grund für das Verbleiben im Samsara, im ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Sie muß immer wiederkehren, um sich in immer reinere und bewußtere Formen zu verwandeln und am Ende zu ihrem Ursprung zurückzukehren, wieder eins zu werden mit dem Brahman. Alles Leben führt zu diesem Ziel hin, und die Menschen wissen, daß selbst ein Buddha Hunderte von Leben brauchte, um zum Buddha, zum Erleuchteten, zu werden. Warum deshalb unglücklich sein mit dem jetzigen Leben? Der in diesem Glauben lebende Inder ist voller Zuversicht und kann auch noch im größten Elend glücklich sein.

Ende des Zitats. Dieses erläutert sehr einfach, einige Grundprinzipen polytheistischer Religionen.
1. Dass auch die antiken Religionen nie einfache Anbetung von Götzen waren, wie uns immer erklärt wird.
2. Dass man auch als Polytheist an einen einzigen, wie auch immer zu nennendes irgendwas, glauben kann. Der Unterschied zwischen einem Hindutempel, wo viele "Götter" und einer katholischen Kirche wo viele "Heilige" stehen, liegt in der Bezeichnung nicht in der Funktion.
3. Dass der Polytheismus mit anderen Religionen anders umgeht, als der Monotheismus. Er versucht die anderen Vorstellungen zu integrieren. Budda = Vishnu oder Zeus = Jupiter = Osiris statt ihn zu bekämpfen. (Synthese statt Antithese). Was ein Problem sein könnte, wenn man eine neue Religion gründen möchte.
4. Dass monotheistische Religionen prinzipell eine Weiterentwicklung gegenüber den polytheistischen sind. Mir erscheint es eher als Reduktion. Als Hinduist der Carotta gelesen hat, könnte ich Cäsar neben Jesus stellen, und hätte von beiden das Beste. Als Christ ...?
Hier gilt auch, was ich über Stammbäume geschrieben habe, man hält halt den Ast auf dem man gerade sitzt für den Höchsten.
5. Dass polytheistische Religion keinen Grund für eine Missionierung haben. Warum sollte man sich streiten über Namen von Göttern, deren Herkunft, oder Geschichte. Wenn alles doch nur Teile eines Ganzen sind. Und sich darum zu streiten ob wir das nun Brahman, unbeweglicher Beweger, anthropologisches Prinzip nennen ist auch müssig. Man kann natürlich darüber streiten, ob Buddhas Nichteinmischung oder Cäsars Einmischung besser ist. Aber das wäre dann keine Frage des Glaubens, im Sinne eines "es kann nur eine Wahrheit geben", sondern nur eine Frage des "wie komme ich am besten zum Ziel".

Noch ein paar Anmerkungen:

Ein Einwand der mit Sicherheit kommen wird, ist "Aber Hindus sind doch diese Fanatiker die Muslime niedermetzeln, die können doch nicht tolerant sein, ist doch dauernd im Fernsehen." Auf die politischen und historischen Hintergründe einzugehen würde zu weit führen. Aber nehmen wir die Gruppen die gut mit Hindus zusammenleben. Das sind Juden die die Abwesenheit von Pogromen schätzen, das sind Christen die vor der Verfolgung ihrer Glaubensgenossen hierher geflüchtet sind, und Parsen die vor dem Islam geflüchtet sind. Um bei letzteren zu bleiben, Parsen oder Zorasteranhänger neigen dazu ihre Verstorbenen an Vögel zu verfüttern. Wenn es einen christlichen Staat gäbe, wo dies möglich wäre, dann würde ich sagen, dies ist ein in Religionsfragen toleranter Staat.

Ein Unterschied zur antiken Welt des Mittelmeerraums will ich aber erwähnen. Hindus glauben an eine Wiedergeburt. Während der griechisch/römische Glaube nur einen schlichten Hades kennt. Man muss schon ein gutbezahlter Kyniker wie Lukian sein, um dem etwas abzugewinnen. Meiner Vorstellung nach ist gerade diese Hadesvorstellung ein Grund für den schnellen Zusammenbruchs der römischen Religion.

Die Hadesvorstellung, also das Reich der Schatten, in dem die Verstorbenen leben, gibt uns einen interessanten Hinweis auf Cäsar. Das westliche römische Reich, nach der Teilung, setzt früh auf die Darstellung des gekreuzigten Christus. Ostrom, also Konstantinopel, dagegen betont Christus, der die Pforten des Hades aufbricht. Das kann jeder selbst sehen, wenn er will, und in eine orthodoxe Kirche gehen. Dort finden wir keine dominierende Figur eines Christus am Kreuz. Die wichtige Ikone Ostroms, also der orthodoxen Kirche ist die Hades- oder Höllenfahrt Christi.

Noch eine Anmerkung: Es gibt zwei bevölkerungsreiche Länder, China und Indien, in denen unterschiedliche Kulturen und Sprachen leben, und die trotzdem nicht drohen auseinderzufallen, wie wir dies bei einigen Regionen sehen, die eher Christen sind.

Zum Schluss noch einen Link über indischen Strassenverkehr der mir gefallen hat, kein besonderer Tiefsinn, nur zur Entspannung:
http://indiastar.com/Palan.html



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