Bruno Bauer


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Abgeschickt von A. Klös am 05 Juni, 2002 um 23:09:59:

Sehr geehrter Herr Carotta, sehr geehrte Forumsteilnehmer,

In der Diskussion Carotta - Paul Trejo wurde das Verhältnis der Marxisten zu Bruno Bauer angesprochen. Wenn heute Bruno Bauer ein bekannter Name ist, liegt das vorallem an der Schrift von Karl Marx und Friedrich Engels: "Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik - gegen Bruno Bauer und Konsorten" (1844/45)
http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_003.htm

Es ist eine Polemik, die mit unserem Thema wenig zu tun hat. Wobei, sollte es jemand lesen, man nicht vergessen darf, das es sich um eine Diskussion handelt, die vor einem anderen politischen Hintergrund als heute geführt wurde.

Interessanter aber auch weniger bekannt ist die Schrift von Engels "Bruno Bauer und das Urchristentum" (1882):
http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_297.htm
Zitat: "In Berlin starb am 13. April ein Mann, der früher einmal als Philosoph und Theolog eine Rolle gespielt, seit Jahren aber, halb verschollen, nur von Zeit zu Zeit als "literarischer Sonderling" die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gezogen hatte. Die offiziellen Theologen, unter ihnen auch Renan, schrieben ihn ab und schwiegen ihn deshalb einstimmig tot. Und doch war er mehr wert als sie alle und hat mehr geleistet als sie alle in einer Frage, die auch uns Sozialisten interessiert: in der Frage nach dem geschichtlichen Ursprung des Christentums. ..."

Für Nekrophile findet sich ein anderer Nachruf (Börsen-Courier - 18.4.1882) bei
http://www.hermann-detering.de/nekrol.htm

Aber was sagt Bruno Bauer selbst? Hermann Detering bringt netterweise auch das Schlusskapitel von Bruno Bauer: "Christus und die Caesaren. Der Ursprung des Christenthums aus dem römischen Griechenthum. 345–387, Kap. VIII. "
http://www.hermann-detering.de/Abschluss_nt.htm
Zitat: " ... Was hat wohl der Schwarm der gebildeten und vornehmen Römer, die in der Synagoge der ewigen Stadt liefen,—was hat der Freund des Horaz, den der Dichter bei seiner Eile nicht auf ein flüchtiges Wort zum Stehen bringen konnte, in dem jüdischen Heiligthum gethan? Die inneren Beängstigungen, die den Römer zu den Orientalen trieben, wurden ihm gewiss nicht durch das Anschauen fremder Geberden und Ceremonicen, noch durch das Auswendiglernen asiatischer Formeln gehoben. Man beachte doch nur einmal (in den von Seneca's Vater gesammelten Controvers–Uebungen jener Zeit) die Kraft, mit welcher die strebenden Geister des damaligen Roms die griechische Behandlung der Rechts–Collisionen zu einer Welt von kühnen moralischen Maximen verarbeiteten. Man erwäge, wie die Dichter des neuen Kaiserhofes, Virgil und Horaz, auch Ovid, ihrem Mangel an grossen nationalen Ueberlieferungen und auch an eigenem Urstoff mit den poetischen Schätzen Athens und Alexandria's aufhalfen. Werden nun die stehenden Gäste der Synagoge, denen es sich zumal um das Heil der eigenen Seele handelte, keinen Versuch gemacht haben, das dortige Geheimniss sich in heimischen Formeln vertraut zu machen? Sollten sie das Fremde, bei dem sie Befreiung von ihren Beklemmungen suchten, nur angestaunt und keinen Blick in seine Geschichte geworfen haben? Und als nun der jüngere Seneca kam und seine rhetorische Uebung in den Dienst der griechischen Weisheit nahm und das Bild eines göttlichen Heilandes entwarf, — als dann Vespasian das Orakel des Judengottes mit der Geschichte des Kaiserthums verwebte und unter seinem Sohn, Domitian, ein Prinz des flavischen Hauses, die Hingabe an das Judentum dem Glanz der Kaisermacht vorzog, — bedurfte es da noch der Judenchristen der neueren Theologie, um das siegreiche Gegenbild des Kaiserthums in Judäa auferstehen und über Welt und Satzung triumphiren zu lassen?
Aus Judäa musste für den stillen Kreis, der sich seit der Zeit des Augustus in Rom zusammenthat und bis Domitian unter den Anregungen Alexandria's zu einer dem Kaiser bedenklichen Macht anwuchs, der Retter und Befreier kommen. Diesen Harrenden wurde die Geschichte, in der sie die Vorbereitung ihres Heils sahen, vertrauter, familiärer und handlicher als den geborenen Juden, und in Rom hatte sich seit der Zeit Tiber's bis auf Trajan die Geschichtsform ausgebildet, die für die Biographie eines Siegers, wie man ihn an den beiden Mittelpunkten des damaligen geistigen Lebens erwartete, geeignet war.
Valerius Maximus hatte in seiner Sammlung "denkwürdiger Thaten und Worte" das Muster für eine knappe Scenerie gegeben, in welcher der Ausspruch eines bedeutenden Mannes herbeigeführt wird und schlagend hervortritt. Sueton hat in den Cäsarenbildern die Sprüche und Entscheidungen seiner Helden in den verschiedenen Lagen ihres Lebens aneinandergereiht und nach der Einheit des Themas in Ordnung gebracht, so dass man die einzelnen Gruppen mit zusammenfassenden Inschriften versehen könnte, wie es später bei uns in den Bibelübersetzungen Sitte ward.
In dieser Art hat der Schöpfer des Urevangeliums sein Werk entworfen und aus der ganzen jüdischen Literatur kann man demselben nichts Aehnliches oder auch nur Vergleichbares zur Seite stellen. Auf die Angabe des Eusebius, Marcus habe seiner Stiftung, der Gemeinde zu Alexandra, sein Evangelium gewidmet, des Gregor von Nanzianz, er habe es zum Dienst Italiens verfasst, oder auf die Ueberlieferung der syrischen Kirche, er habe es in lateinischer Sprache geschrieben, ist Nichts zu geben. Auch ohne auf diese späten Muthmassungen zu bauen, stelle ich meinen Satz auf, dass der Verfasser, ein geborener Italer, der in Rom und Alexandria zu Hause war, das Werk in der damaligen Weltsprache, der griechischen, verfasst hat .
[...]
Es brauchte dazu keine Judenchristen zu geben, damit die evangelische Geschichte der Kindheit Jesu zu Stande kam; auch war dazu nicht, wie Baur meint, ein jüdisches Messiasbild nöthig, damit es der Dichter kopire; ein ächter Römer, der mit der Allegoristenschule Alexandrias nicht unbekannt war, war der Mann dazu, um dieses Werk zu schaffen, welches im Namen des Meisters zugleich die Vergangenheit für ihn in Besitz nahm und ihn als den erkorenen Werkmeister der Zeiten vor ihm darstellte. ... "

Schlussbemerkung: Ich bin kein Rhetoriker, die Zitate und Links dienen nicht der direkten Argumentation, sondern allein der Information und Anregung sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Ihr findet diese Zurückhaltung cynisch, Ihr wollt unbedingt meine Meinung, gut: Jesus Christus hat nie existiert, und der römische Kult des vergotteten Kaisers ist der Ursprung des Christentums. Wo ist der Unterschied zu Carotta, werdet ihr fragen? Ein fehlerhaftes Abschreiben ist möglich, aber es erscheint mir unwahrscheinlich, dass sie zu einer neuen Religion führt. Wenn nicht diese Verschreibung zum Zeitgeist passt.

In der Hoffnung etwas Bewegung in dieses Forum zu bringen
Andreas Klös


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