Karlsruher Geschichtssalon – Eugen Gabowitsch


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Zwei-Jahre-1.rtf, Rundbrief vom 31.1.2001

Zwei Jahre Geschichtssalon zu Karlsruhe

EUGEN GABOWITSCH

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10. War Jesus Cäsar?

Am Donnerstag, den 9. November 2000, trafen wir uns also in der Sängerschaft Markomannen, Beiertheimer Allee 70, um den Vortrag vom Linguisten, Theologen und Buchautor Francesco Carotta (Mailand, Freiburg) zum genannten Thema zu hören. Ausnahmsweise verlangten wir diesmal Eintrittsgeld. Trotzdem wurde die veranstaltung gut besucht.
Inzwischen ist das Buch “War Jesus Cäsar?” von Francesco Carotta unseren Lesern aus der Rezension von Gernot L. Geise [18] und Uwe Topper [19] sogar aus zwei unterschiedlichen Perspektiven bekannt (weil das Buch nur DM 20 kostet, empfehle ich jedem es zu kaufen, solange das noch möglich ist). Ich will darum hier keinesfalls die inhaltlichen Thesen von F. Carotta wiederholen, sondern in erster Linie seine außergewöhnliche Gabe betonen, Auditorium an sich zu binden.
Wie es bei uns im KGS üblich, machten wir auch diesmal nach 1,5 Stunden eine halbstündige Kaffeepause. Und obwohl es bekannt war, dass nach der Pause Herr Carotta seine Erzählung fortsetzen wird, bildete in der Pause um ihm ein dichter Kreis der begeisterten Zuhörer, die ihm Fragen stellten und seine Antworten aufmerksam verfolgten. Nach eine halben Stunde habe ich versucht, die Veranstaltung in die gewöhnten Ufer zurückfließen zu lassen, aber keiner wollte Platz nehmen. Nach einer weiteren halben Stunde dieses lebendigen Kontakt mit dem Buchautor konnte ich nur mühsam die Ordnung im Sall wiederherstellen. Auch schon am ganz späten Abend, alsa alles schon vorbei war, standen wieder einzelne Interessenten um herrn carotta und befragten ihn.
Inhaltlich möchte ich nur folgendes bemerken. Obwohl die Recherche von Herrn Carotta keine oder fast keine chronologische Komponente beinhaltet (er fühlt sich im rahmen er schuhlwissenschaftlichen Chronologie ganz wohl und ungestört), stellt sein Buch einen wunderschönen Beispiel darüber dar, wie viel kann man noch heute unorthodoxes zur Geschichtsschreibung sagen. Mental fühlt sich Herr Carotta bei den Chronologiekritikern nicht ganz bequem, inhaltlich passt er hervorragend in unsere Forschung.

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NOTA BENE: Mit „trafen wir uns ALSO in der Sängerschaft Markomannen“ wird euphemistisch umschrieben, daß Veranstalter und Referent darüber einig waren, daß es keinen Sinn machte, den Vortrag innerhalb des Karlsruher Geschichtssalons stattfinden zu lassen, da die sich dort einfindende Szene nicht nur an die Existenz Jesu zweifelt, sondern auch jene Caesars verneint, da sie ja die ganze Geschichtsschreibung über die Antike als gefälscht ansieht, im Mittelalter oder in der Renaissancezeit im Zuge einer Großen Aktion erfunden. Ergo: Keine Antike, kein Rom, kein Caesar. Ob es nun Jesus Caesar sei oder nicht, macht natürlich in dieser Logik weniger Sinn als das Verhältnis vom Wolf zur Großmutter von Rotkäppchen zu hintefragen. Worauf Herr Dr. Gabowitsch auf die Idee kam, den Vortrag in einem sozusagen neutralen Ort stattfinden zu lassen. So kam es zu den Markomannen.

Zur Person: Ich bin kein Theologe, sondern, wenn schon, Philosoph. Und ich bin nicht aus Mailand, sondern aus Venetien. Das sage ich nicht, weil ich das besonders wichtig fände. Symptomatisch ist nur, daß ich es Herrn Dr. Gabowitsch wiederholt gesagt und geschrieben habe, aber anscheinend, einmal gespeichert, ist es nicht mehr möglich, das in allen Dateien zu löschen, und es taucht immer wieder auf. Vielleicht ist es aber so, daß jemand, der über Jesus schreibt, ipso facto zum Theologen avanciert. Na gut, dann bin ich also ein virtueller Theologe, und meinetwegen auch Historiker. Aber nicht aus Mailand. Und „Perito Industriale“, praktischer Ingenieur, bin ich auch, das sage ich, weil mir das wichtig ist: In der Industrie lernt man, was funktionniert und was nicht, das zweite kann man sich nicht erlauben. Wenn ich etwas Gescheites herausgefunden haben sollte, dann wegen dieser Schule, nicht wegen der Philosophie, der Geschichte oder gar der Theologie, denn dort kann man alles behaupten und zurecht stricken, es steht immer Meinung gegen Meinung. Ich bin als technisch bewußter Linguist an die Texte herangegangen, und nur deswegen habe ich, glaube ich, etwas Objektives herausgefunden.

Daß ich mich „bei den Chronologiekritikern nicht ganz bequem fühle“, das stimmt. Was nicht bedeutet, daß ich mich „im Rahmen der schuhlwissenschaftlichen Chronologie ganz wohl und ungestört fühle“. Auf jeden Fall störe ich dort, denn für die Schulwissenschaft sind 100 Jahre (Caesar geboren 100 ante) kein Klacks. Wem aber schon 300 zu wenig sind, und erst ab einem Jahrtausend oder anderthalb, plus oder minus, einsteigt, der sollte sich fragen, ob er sich nicht von jeglicher Chronologie verabschiedet hat, und ob seine Geschichten noch Geschichte seien, oder History Fiction. Denn da wo es keine Chronologie mehr gibt – und wenn es mehrere gibt, wie bei den Chronologiekritikern, wo jeder seine eigene hat, gibt es keine – dann fehlt der Geschichte das Rückgrat, das Weichtier, was noch übrig bleibt, kann man hin und her ziehen, wie man will.

Das Publikum jedenfalls, hat mit seinem Nicht-davon-lassen-Wollen an dem Abend gezeigt, daß es durchaus genuines Interesse für Geschichte hat, und an Chronologiefragen nur im Kontext, und nicht an sich. Die Leute wollen wissen, was passiert ist, und nicht immer nur, was nicht passiert ist, und wann, und nicht nur wann nicht. Und wenn etwas verdreht wurde, dann wollen sie wissen wann, wo, durch wen, in wessen Auftrag, zu wessen Vorteil und Nachteil dies geschah, und zwar präzise. Sie sind nach wie vor an Geschichte und nicht nur an Geschichten interessiert. Vor allem aber, wollen sie wissen, was dies heute für sie bedeutet. Sie wollen nicht nur unterhalten werden, sondern ahnen, daß Geschichte auch irgenwo mit dem Unterhalt der Welt und somit auch mit ihrem zu tun hat. Also, das auffällig große Interesse des Publikums, in Karlsruhe wie überall, bei allen Vorträgen, hat nicht damit zu tun, daß ich ein guter Unterhalter sei. Es brennt den Leuten unter den Nägeln, es geht sie etwas an.

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PS: Da hier von den Lesern von Efodon Synesis als von „unseren Lesern“ die Rede ist, muß man annehmen, daß dieser Text demnächst in derselben Zeitschrift abgedruckt werden soll.


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